Reviews findet Ihr überall im Web, alle weisen auf die endlosen Lade-/Speicherzeiten hin und den Umstand, dass diese allzu oft nerven. Die Gegner im ersten Akt sind sehr schlecht auf die Fähigkeiten von Geralt (dem Hexer himself) ausbalanciert, das Programm ist öfters sehr gängelig und liesse jeden Masochisten voll orgasmischer Freude erschauern, et ceterum, et ceterum…
Spiele die so daherkommen haben bei mir üblicherweise die Halbwertszeit von Francium (223 FR), die ist ca. 22 Minuten… Dennoch hat mich dieses Spiel trotz Mangel an masochistischer Bereitschaft gepackt, es ist für micht die schönste cRPG Erfahrung der letzten Jahre.
Das letzte Rollenspiel-Highlight war für mich Oblivion, dieses Spiel ist der konsequente Gegensatz dazu, aber beide Spiele brillieren in ihrer RPG Sparte, definieren diese perfekt.
Oblivion, der derzeitige RPG-Platzhirsch…
Oblivion stellt eine riesige Sandbox mir grosser spielerischer Freiheit dar, ich kann meinen Charakter bis in jedes Detail anpassen, kleiden und skillen, Questsstränge spiele ich in relativ beliebiger Reihenfolge und meist nur wenn ich das will, ansonsten kann ich eine riesige Welt erkunden, in der auch ausserhalb der vorgegebenen Handlungen viel passiert. Ich bin in der Lage, im Spiel meine eigenes Spiel zu spielen. Ein mitgelieferter, gut gemachter Editor ermöglicht das Erstellen neuer Landschaften, Items und Quests. Die Fangemeinde würdigt dies mit einer Modding-Community, welche Mächtigkeit dieses Werkzeuges voll ausschöpft und wahre Kunstwerke vollbringt.
Wurzeln im klassischen Pen&Paper Rollenspiel sind kaum erkennbar und doch bietet das Spiel mannigfaltige Möglichkeiten, eine Rolle zu spielen, anstelle von Rulebooks setzt Fantasie hier die Leitplanken. Eben diesen dominanten Sanbox-Charakter kann man dem Spiel aber auch berechtigterweise vorhalten, die Mainstory ist relativ dünn und es gelingt dem Spiel nicht, den Spieler wirklich intensiv in diese hinein zu versetzen. Das Dialogsystem ist sehr banal und bei den wenigen Sprechern sehr repetitiv.
Puristen werden Oblivion sogar die Bezeichnung Rollenspiel aberkennen, die extremsten Exponenten finden sich hier, scheint eine Art Therapiegruppe für Bethesda-Geschädigte zu sein.
… und nun das Hexenwerk von CDProjekt
The Witcher ist anders. Du bist Geralt, der Hexer, der Monsterjäger aus den Romanen von Andrzej Sapowski. Die Rolle die Du zu spielen hast ist bereits definiert. Die Handlung des Spieles ist komplex und trotz des Fantasy-Hintergrundes sehr modern. Wer bisher Fantasy eher mit Grimm’s Märchen oder Tolkien’s Werken gleichsetzt hat erlebt eine grosse Überraschung.
Die Stereotypen vom leicht schottisch angehauchten, knorrigen WOW-Zwerg, oder vom erhabenen und schwuchteligen Legolas-Elfen, denen es ansonsten meist an zusätzlicher Tiefe fehlt, werden in diesem Spiel nicht gepflegt. Diese von den Menschen, die eigenliche Parvenüs im Kreis der Kulturen sind, gering geschätzten “Anderlinge” haben kein leichtes Los. Ihre alten Kulturen sind vom Austerben bedroht und fristen nur noch ein Dasein als unterdrückte Randgruppe in einer von Menschen dominierten Welt, sie erleben eine Behandlung, die irgendwo zwischen der von türkischen Gastarbeitern in den Insdustrienationen der 60er Jahre und Judenpogromen liegt. Dies führt zu Spannungen, welche sich im Lauf des Spiels zu einer Revolte entladen. Vor diesem behutsam und vielschichtig aufgebauten Hintergrund bewegt sich Geralt und erlebt seine Abenteuer. Eigentlich ist er als Hexer nur ein bezahlter Monsterjäger und möchte politsch neutral bleiben,Hauptsache die eigene Kasse stimmt. Doch es bleibt dem Hexer nicht erspart Partei zu ergreiffen und moralisch komplexe Entscheidungen zu treffen… und diese haben im Spiel immer Konsequenzen. Diese sind nie unmittelbar nach einer Entscheidung ersichtlich, werden aber zu einem späteren Zeitpunkt immer in ihrer ganzen Tragweite aufgezeigt. Der Spieler wird dabei nicht an der Hand geführt und auf eine richtige oder falsche Handlungsweise hingeweisen, ausschlaggebend ist alleine der moralische Kompass der Person am Bildschirm.
So kann es zum Beispiel passieren, dass ich mich dazu verleiten lasse, aus humanitären Gründen Anderlinge mit Vorräten zu versorgen, genau diese sind jedoch später dazu in der Lage, Dank meiner Hilfe ein blutiges Massaker an unschuldigen (?) Menschen im Namen des Freiheitskampfes auszuüben. Das hatte ich eigentlich nicht gewollt, vielleicht habe ich mich mit zu wenigen Informationen auf die Hilfestellung eingelassen, oder nicht richtig zugehört, auf welche Art und Weise der charismatische Anführer der Freiheitskämpfer über die Menschen gesprochen hat, seine Argumente klangen damals so überzeugend. Schuldgefühle kommen auf…
Solche Erlebnisse im Spiel regen zum Nachdenken an, faszinieren und involvieren mich. Als ich solches im Spiel zum ersten Mal erlebte, war ich sehr positiv überrascht, die Reife und Intelligenz der Inszenierung war beeindruckend und liess mich nicht kalt. Themen wie Terrorismus versus Freiheitskampf, Ausgrenzung von Fremdartigen und bei solchen Themen eher wegschauen zu wollen, sind aktuell bis zeitlos. Der Hexer zwingt den Spieler, Farbe zu bekennen. Selten ist eine Entscheidung richtig oder falsch, meist gibt es keinen optimalen Weg, eine Lösung herbeizuführen, der Spieler wird dadurch nicht bestraft (abgesehen vom eigenen Gewissen), aber die Konsequenzen einer Handlung definiert jeweils neue Rahmenbedingungen für die weitere Handlung. Zwei Spieler können also sehr unterschiedliche Handlung des Spieles erleben.
Die vorliegende Sagenwelt ist extrem glaubwürdig. Natürlich finden wir auch hier mannigfaltige Monsterarten, immerhin waren diese für Geralts Berufswahl ausschlaggebend, doch was die Glaubwürdigkeit ausmacht ist die Darstellung der Bewohner dieser Welt. Sie sind Menschen (und Zwerge und Elfen) mit all ihren Tugenden und Schwächen, sie flirten, fluchen, lügen, haben Probleme und verursachen welche. Sie sind nicht immer unmittelbar als gut oder böse indentifizierbar, oft vielschichtig und manche haben verdeckte Motive. Die Sprache ist, auch in der gelungenen deutschen Übersetzung authentisch, man nimmt den Figuren ihren Charakter ab. Das heere, aber hohle Gesülze vieler Tolkien-Helden geht den Protagonisten ab, oft sind die Dialoge an den passenden Stellen recht derbe. Ich wurde noch nie in einem mittelalterlichen Rollenspiel mit den Worten “Deine Mamma lutscht Zwergenschwänze” angepöbelt. Geralt ist auch kein asexueller Eunuch, wie es sonst in den RPGs für den Massenmarkt die Regel ist. Er hat zahlreiche Möglichkeiten, die Gunst williger Damen zu erlangen, wenn der Spieler dies will. Als Belohnung für einen Flirt gibt es Sex, zwar nicht plastisch dargestellt, aber immerhin mit einem erotischen Bild der aktuellen Eroberung als Trophäe. Die Flirts sind recht witzige Dialoge, mit einer Hure im Elendsviertel ist dieser sehr konkret und führt relalistischerweise schnell zum Resultat. Um handlungstragendere Protagonistinen muss sensibler und langwieriger geworben werden. Gelungen ist die Einlage, wo Geralt sich zu einem Flirt mit einer Göttin einlässt, wo er eindeutig der intellektuell Unterlegene ist und die Partnerin zunächst mit Phrasen über Augen, die wie Sterne funkeln langweilt, dann aber in seiner Hilflosigkeit mit dem Satz “Euer Arsch übertrifft alle anderen” reüssiert. Auch wenn des Hexers amouröse Eskapaden ein eher schlichtes, auf Sexualität reduziertes Frauenbild im Spiel suggerieren, ist das Gegenteil der Fall. Frauen haben hier wesentlich tragendre Rollen als in den meisten anderen RPGs. Die Prinzessin wartet nicht brav im Turm auf ihren Retter, sie hat ein Monster in sich, verbündet sich mit zwielichtigen Gestalten, ihre Rettung mündet in einen harten Zweikampf mit Geralt. Eine verbündete Zauberin und potentielle Partnerin, ist eine einflussreiche politische Strippenziehering am Hof und verfolgt nicht ausschliesslich gemeinsame Ziele mit Geralt. Eine verschmähte Geliebte wird zur Dämonin, kann aber ohne Kampf gerettet werden. Eine Prostituierte eine spannende Hintergrundgeschichte und ist eine moralisch sehr integere Person.
Der Hexer ist ein Meisterwerk der Erzählkunst, bei dem der Spieler dennoch intensiv die Handlung mitgestaltet. Die gelungene Ambiance des Spiels und die Dialoge helfen mit, sich in die Geschichte hinein zu versetzten. Der Geist von Sapowkis Büchern wurde sehr gut getroffen. Die Grafik ist schön, innerhalb der grossen Gebiete der einzelnen Akte kann sich der Hexer frei bewegen. Die Anfangs erwähnten Bugs sind SEHR störend, treten aber für mich aufgrund der genannten positiven Aspekte in den Hintergrund.
Die Kür schlägt die Pflichtnote…
The Witcher hat auf jeden Fall noch etliche Patches nötig, ist aber trotzdem das Rollenspielereignis der letzten Jahre. Oblivion’s wirkt im Vergleich doch eher nüchtern und kalt, seine Geschichte wirkt im Vergleich zum 5-Sterne Menü des Hexers wie Tütensuppe. Nach technischen Aspekten betrachtet hält the Witcher gegenüber Oblivion nicht stand, aber so kann man dieses Spiel nicht betrachten, nicht wenn man weiss, was man so verpassen würde.
Vielleicht ist das doch Masochismus, denn dieser Reiz spielt sich nun mal eher im Kopf ab und bezieht sich weniger auf perfekt gerundete Äusserlichkeiten.
